Sonntag, 10. Juni 2012

Buchkritik: Monika Dettwiler, Nordwestbrise


Starke Frauen und kriegerische Männer

Monika Dettwiler schrieb einen Roman aus dem Mittelaler mit
historischen Wahrheiten

Schon Monika Dettwiler's erstes Buch "Berner Lauffeuer"
schaffte es 1998 auf die Schweizer Bestsellerliste. Die
studierte Historikerin und Archäologin beleuchtete darin
das 19. Jahrhundert. Jetzt wagte sich die Autorin an
einen regionalen Stoff aus dem frühen Mittelalter. Im
8. Jahrhundert spielt der Roman um die hübsche, junge
Utina, die während der Zeit der Kriege zwischen Alemannen
und Franken lebt und mit ihrem Vater Otpert sowie Gesinde
aus Arbon fliehen muss. Es gelingt der Verfasserin sehr gut,
historische Begebenheiten mit lebendigen Fiktionen zu
vermischen. Gleichzeitig bringt die Historikerin ein Stück
Geschichte nächer, indem sie die Nahrungsgewohnheiten,
die Gewänder, die Behausungen beschreibt. Otpert und Utina
werden von Otmar, dem Abt des Klosters St. Gallen, lievevoll
aufgenommen. Im Kloster, das vorausblickend wirtschaftet und
Vorräte anlegt, hungert niemand. Im Gegenteil, es wird den
Armen und Fremden geholfen. Abt Otmar gab es tatsächlich.
Er lebte von 689 bis 759 und wurde 864 vom Abt von Konstanz heilig
gesprochen, nachdem er böswilligst angeklagt und verurteilt
worden war. Man hatte ihm vorgeworfen, eine Frau vergewaltigt
zu haben. Das Synodialgericht in Konstanz klagte ihn an. Treue
Mönche standen ihm bei und brachten ihn zur Insel Werd bei
Stein am Rhein. Dort starb er. Doch zurück zum Roman. Utina
verliebt sich ausgerechnet in den verfeindeten Franken Hugo.
Er will sie heiraten, entgegen jeder Widerstände. Um dem
Konflikt zu entgehen, geht die junge Alemannin zunächst zu
Beata (sie gab es auch in der Realität) in deren Kloster am
Zürichsee. Sie ist reich, bestitzt viele Ländereien und hat
einen Sohn namens Lantbert. Der hat ebenfalls ein Auge auf
Utina geworfen. Es gibt etliche Verwicklungen, Kriege und
auf einmal einen neuen König namens Childerich, der über die
Franken, Alemannen und Bayern herrscht. Töchter wurden vom
Vater verheiratet. Reisen per Pferd und Esel waren sehr
beschwerlich. Das Vieh lebte bei den einfachen Menschen in
deren Häusern, Ställe gab es noch nicht. Monika Dettwiler
recherchierte für ihren Roman in einigen Quellen, unter
anderem in den St. Galler Klostergeschichten, dem Urkundenbuch
der Abtei St. Gallen, der Schrift: Die Gründung des Klosters
Luzern sowie in der Lex Alemannorum, dem Alemannischen Gesetz
von 730. Es ist ein sehr behutsam, mit Bedacht geschriebener
Roman um die Stellung der Frauen und der kriegerischen Männer
im frühen Mittelalter, aus einer längst vergangenen Zeit, aus
der wir hervorgegangen sind. Ein spannendes Buch mit
Geschichtskolorit für alle, die Geschichte lieben.
(c) Corinna S. Heyn

Monika Dettwiler,
Nordwestbrise.
Historischer Roman.
Appenzeller Verlag 2012.
Preis: 38 Sfr.
www.appenzellerverlag.ch

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