Samstag, 26. Mai 2012



Rasant wie ein James-Bond-Movie

Christopher Reich: Geblendet

Schauplatz des Thrillers ist Arosa in der Schweiz.
Jonathan und Emma fahren abseits der Pisten Ski bis
das Paar in ein Unwetter gerät. Emma verfehlt eine Kurve und bricht
sich ein Bein. Ihr Mann lässt sie alleine, um Hilfe
zu holen. Als er mit der Bergungsmannschaft zurückkommt,
ist seine Frau nicht mehr da sondern in eine Felsspalte
gestürzt. Soweit der schon turbulente Anfang des Thrillers.
Doch Jonathan erhält einen Brief an Emma mit zwei ominösen
Gepäckscheinen. In Landquart holt er mit Simone, einer
Freundin seiner Frau, eine Ledertasche und eine Schachtel
ab. Noch bevor er in diese Gepäckstücke hineinsehen kann,
wollen ihm zwei Männer diese entreißen. Simone und Jonathan
gelingt die Flucht. Zurück bleibt ein toter Polizist und
die verdutzte Kantonspolizei in Graubünden. Als Jonathan
die Tasche durchsucht, gerät er in Unglauben. Hunderttausend
Schweizer Franken, daneben ein gefälschter Ausweis  mit
dem Foto seiner Frau mit grellroten Lippen und extrem
teurer Schmuck kommen zum Vorschein. Sie führte ein Doppelleben.
Jonathan nimmt die Spurensuche auf. Er gibt sich als Schweizer
Polizist Oskar Studer aus, dessen Polizeiausweis er in Besitz
genommen hat. Dazwischen mischen sich Szenen eines Profikillers,
der Testflug mit einer Drohne, Terror und die CIA. Jeder scheint
hier jeden zu jagen, nur manche wie ein Profikiller sind schneller.
Die SChweiz als Kulisse für einen Thriller mit Toten und Gewalt,
ist gewagt. Der Autor Christopher Reich schreibt: "Mordfälle
waren in Zürich nicht gerade an der Tagesordnung und kamen auch
sonst in der Schweiz selten vor." Es ist ein schwindelerregender
Thriller um Ärzte ohne Grenzen ein Doppelleben und zeigt die
friedliebende Schweiz einmal in Bond-Manier und als Schauplatz
des Weltwirtschaftsgipfels in Davos.
(c) Corinna S. Heyn

Christopher Reichs,
Geblendet.
Thriller.
Aus dem Englischen von Damaris Brandhorst.
Bastei Lübbe 2010.
Paperback
www.luebbe.de

Samstag, 19. Mai 2012

Schocker mit Intellekt: Grangé, Im Wald der stummen Schreie



Die Blutspur führt nach Nicaragua

Buchkritik: Jean-Christophe Grangé mixt Grauen mit wissenschaftlich-politischer
Brisanz

Mehrere junge Frauen werden besitalisch ermordet
und zugerichtet. Die präzisen Schilderungen der
grauenhaft zerstückelten Leichen lassen einem
übel werden. Aber es lohnt sich, ins Herz des
Thrillers vorzudringen. Im Verlauf der Ermittlungen
durch die Untersuchungsrichterin Jeanne Korowa in
Paris gibt es einiges an wissenschaftlicher Kost
für Intellektuelle. Grangé hat sehr ausführlich
über Autismus recherchiert, ferner über prähistorische
Wandmalereien, die diversen Steinzeitmenschen und über
die Genetik. Jeanne Korowa, die Antidepressiva wie
Gummibärchen schluckt, verwanzt aus persönlichen
Gründen die Praxis von Antoine Féraud, dem Psychoanalytiker
ihres Ex-Freundes Thomas und stößt dabei auf den
potientiellen Mörder der Frauen. Alle sind üppig
gebaut, jung. Eine von ihnen erschuf mit ihren Händen
gruselige Skulpturen. Selbst Bezüge zu realen Morden
greift Frankreichs Superstar unter den Thriller-Autoren
auf. Den Fall Dutroux oder den des Kannibalen von Rothenburg
kennt der gebildete Autor ebenso wie die Kunst von Klimt
oder die Schriften Sigmund Freuds. Auch lateinische Zitate
sind eingestreut. Die Kulisse eines flirrend-heißen
Sommers in Paris, wo die Story über weite Teile spielt,
verlässt die Untersuchungsrichterin schon bald Richtung
Nicaragua. Dort wurden Fäden nach Paris gesponnen - es
geht um Blut. Genauer gesagt um Blutkonserven und Blutbanken.
40 Jahre Diktatur und 300 Jahre amerikanische Ausbeutung
liegen hinter Nicaragua sowie ein Geschäft mit Blutkonserven.
Der Exil-Kubaner Eduardo Manzarena wurde dadurch reich,
dass er die USA mit dem Blut von armen Bauern versorgte
und damit Geld machte. "Solche Geschichten waren nur in den
unterdrückten Regionen der Welt möglich. Dort, wo das Elend
Menschen zu allem zwang.", schreibt Grangé. Er wird damit
unvermittelt zum Rächer der Unterdrückten. Der Verfasser
verpackt seine Intention, schmutzige Geschäfte anzuprangern
in einen Thriller, der zu Beginn wegen der Grausamkeiten
kaum auszuhalten ist. Doch bei genauem Hinsehen scheint
es ein Kunstgriff zu sein, mit dem er für Nervenkitzel
bei vielen Leserschichten sorgt und dann politisch-intellektuell
wird. In der Gestalt der Jeanne Kurowa, die als große Rothaarige
wohl eine Art Jeanne d'Arc symbolisieren soll. Eduardo Manzarena
wird ebenfalls abgeschlachtet. Jeanne Kurowa ist die Erste am
Tatort. Ihre Methoden sind des öfteren unorthodox, aber genau
das erhöht die Spannung. Grangé lässt einem das Blut in den
Adern gefrieren.
(c) Corinna S. Heyn


Jean-Christophe Grangé,
Im Wald der stummen Schreie.
Aus dem Französischen von
Thorsten Schmidt.
Lübbe Ehrenwirth 2011.
Hardcover
www.luebbe.de

Donnerstag, 3. Mai 2012


Finnisch-russisches Roulette

Matti Rönkä fesselt grandios mit "Zeit des Verrats"


Ein roter Stern mit Hammer und Sichel ziert den
neuesten Finnland-Krimi von Matti Rönkä. Viktor Kärppä
ist eigentlich gebürtiger Russe, lebt aber in Finnland
mit seiner Lebensgefährtin Marja und zwei Kindern. Die
kleine Anna ist ein gemeinsames Kind, Erkki ein
angenommenes aus Russland. Während Marja sich um ihr
eigenes Altenpflegeheim kümmert, reist Viktor zwischen
Moskau und Finnland hin und her. Er ist in mehr oder
weniger dubiose Geschäfte der Russen verwickelt. Er
kauft unter anderem Grundstücke in Finnland, um sie an
russische Investoren zu verhökern. Ab und an dolmetscht
er auch - sogar für die Produktion von Pornofilmen.
Viktor Kärppä kennt sowohl russische Geschäftsleute
als auch die finnische Polizei. Teppo Korhonen ist ein
Beinahe-Freund der Helsinkier Polizei. Eines Tages
bittet ihn Arseni Kasimirow alias Wronski um einen
Gefallen. "In die Politik mische ich mich nicht ein",
wehrt Viktor zunächst ab. Doch die junge, attraktive
Russin Julija vernebelt ihm die Sinne. Er reist nach
Russland. Koljukow, Wronski, Bekari und Julija gehen
in die Sauna. Fast lautlos gleitet der Hauptakteur
in die Gefahrenzone ab. Als er nach einem Autokauf
eine Art Bombe in seinem neuen Wagen entdeckt, gerät
er ins Schleudern. Doch er spricht sich selber Mut zu.
Und auf einmal wird für ihn sogar seine Partnerin Marja
verdächtig. Er lässt sie beschatten. Es ist nicht nur
der Stoff um geheimnisvolle Machenschaften in Russland
und Finnland, sondern die Erzählkunst des Autors, der
einen damit fesselt. Seine genaue Beobachtungsgabe
für Menschen, deren Seelenpein, aber auch für die
verschiedenen Landschaften und die Eigenheiten der
beiden Länder fasst er in wohlüberlegte Sätze mit
wohltuenden Metaphern. Matti Rönkä ist Chefredakteur
und Nachrichtensprecher beim Finnischen Fernsehen.
Er lebt in Helsinki mit Frau und drei Kindern und
wurde mehrfach mit Krimipreisen ausgezeichnet.
Es ist der dritte Krimi aus der finnischen Reihe.
(c) Corinna S. Heyn


Matti Rönkä,
Zeit des Verrats.
Finnland-Krimi.
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara.
Lübbe PB 2012.
Preis: 14,99 Euro
www.luebbe.de