Samstag, 19. Mai 2012
Schocker mit Intellekt: Grangé, Im Wald der stummen Schreie
Die Blutspur führt nach Nicaragua
Buchkritik: Jean-Christophe Grangé mixt Grauen mit wissenschaftlich-politischer
Brisanz
Mehrere junge Frauen werden besitalisch ermordet
und zugerichtet. Die präzisen Schilderungen der
grauenhaft zerstückelten Leichen lassen einem
übel werden. Aber es lohnt sich, ins Herz des
Thrillers vorzudringen. Im Verlauf der Ermittlungen
durch die Untersuchungsrichterin Jeanne Korowa in
Paris gibt es einiges an wissenschaftlicher Kost
für Intellektuelle. Grangé hat sehr ausführlich
über Autismus recherchiert, ferner über prähistorische
Wandmalereien, die diversen Steinzeitmenschen und über
die Genetik. Jeanne Korowa, die Antidepressiva wie
Gummibärchen schluckt, verwanzt aus persönlichen
Gründen die Praxis von Antoine Féraud, dem Psychoanalytiker
ihres Ex-Freundes Thomas und stößt dabei auf den
potientiellen Mörder der Frauen. Alle sind üppig
gebaut, jung. Eine von ihnen erschuf mit ihren Händen
gruselige Skulpturen. Selbst Bezüge zu realen Morden
greift Frankreichs Superstar unter den Thriller-Autoren
auf. Den Fall Dutroux oder den des Kannibalen von Rothenburg
kennt der gebildete Autor ebenso wie die Kunst von Klimt
oder die Schriften Sigmund Freuds. Auch lateinische Zitate
sind eingestreut. Die Kulisse eines flirrend-heißen
Sommers in Paris, wo die Story über weite Teile spielt,
verlässt die Untersuchungsrichterin schon bald Richtung
Nicaragua. Dort wurden Fäden nach Paris gesponnen - es
geht um Blut. Genauer gesagt um Blutkonserven und Blutbanken.
40 Jahre Diktatur und 300 Jahre amerikanische Ausbeutung
liegen hinter Nicaragua sowie ein Geschäft mit Blutkonserven.
Der Exil-Kubaner Eduardo Manzarena wurde dadurch reich,
dass er die USA mit dem Blut von armen Bauern versorgte
und damit Geld machte. "Solche Geschichten waren nur in den
unterdrückten Regionen der Welt möglich. Dort, wo das Elend
Menschen zu allem zwang.", schreibt Grangé. Er wird damit
unvermittelt zum Rächer der Unterdrückten. Der Verfasser
verpackt seine Intention, schmutzige Geschäfte anzuprangern
in einen Thriller, der zu Beginn wegen der Grausamkeiten
kaum auszuhalten ist. Doch bei genauem Hinsehen scheint
es ein Kunstgriff zu sein, mit dem er für Nervenkitzel
bei vielen Leserschichten sorgt und dann politisch-intellektuell
wird. In der Gestalt der Jeanne Kurowa, die als große Rothaarige
wohl eine Art Jeanne d'Arc symbolisieren soll. Eduardo Manzarena
wird ebenfalls abgeschlachtet. Jeanne Kurowa ist die Erste am
Tatort. Ihre Methoden sind des öfteren unorthodox, aber genau
das erhöht die Spannung. Grangé lässt einem das Blut in den
Adern gefrieren.
(c) Corinna S. Heyn
Jean-Christophe Grangé,
Im Wald der stummen Schreie.
Aus dem Französischen von
Thorsten Schmidt.
Lübbe Ehrenwirth 2011.
Hardcover
www.luebbe.de
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